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Von der Werkstatt in die Rente – aber wie?

28.10.2026
Gruppenfoto der 17 Teilnehmenden des Fachdialogs

Für Menschen mit Behinderungen, die lange in einer Werkstatt für behinderte Menschen (WfbM) gearbeitet haben, kann der Übergang von der Werkstatt in die Rente besonders einschneidend sein. Denn mit dem Ende des Arbeitslebens fallen häufig nicht nur die tägliche Arbeit, sondern auch soziale Kontakte, feste Abläufe und ein wichtiger Ort für Begegnungen weg. Über diese Beobachtung kamen das Kompetenzzentrum Selbstbestimmt Leben (KSL.Münster) und die Regionalbüros Alter, Pflege und Demenz (RB APD) Münster und Münsterland in den Austausch. Gemeinsam mit weiteren Akteur*innen sind sie nun im Prozess herausfinden, was Menschen beim Übergang in den Ruhestand ganz konkret brauchen – und wie sich ihre Teilhabe langfristig sichern lässt. 

Viele Gespräche und zehn Thesen

Ein persönliches Fallbeispiel bildete den Einstieg für die enge Zusammenarbeit des KSL.Münster und der Regionalbüros APD Münster und Münsterland zu diesem Thema: Eine Frau mit Behinderung war viele Jahre in einer Werkstatt beschäftigt. Mit dem Eintritt in die Rente vielen ihre gewohnten Kontakte und die geregelte Tagesstruktur weg. Unterstützung bei der Gestaltung des neuen Lebensabschnitts oder alternative Möglichkeiten zur Teilhabe gab es in ihrem Fall nicht. Im Austausch mit weiteren Akteur*innen zeigte sich schnell, dass ähnliche Herausforderungen auch andere Menschen betreffen.

Um mehr über die Lebenssituation und die Herausforderungen beim Rentenübergang zu erfahren, führten die beteiligten Organisationen Gespräche mit unterschiedlichen Akteur*innen. Werkstattleitungen und Werkstattmitarbeiterinnen, Beschäftigte sowie Vertreter*innen aus Tagesstätten und der Tagespflege berichteten von ihren Erfahrungen. Auch Perspektiven von Betroffenen, Werkstatträten und weiteren Beteiligten flossen in die Auseinandersetzung mit dem Thema ein.

Aus diesen Erkenntnissen entstand ein Thesenpapier mit zehn Thesen. Sie beschreiben erste Annahmen und Fragestellungen rund um den Übergang von der Werkstatt in die Rente. Hierbei wurde deutlich, dass der Übergang von der Werkstatt in die Rente für viele Menschen mit Behinderungen den Verlust von Tagesstruktur, sozialen Kontakten und Teilhabe am Arbeitsleben bedeutet. Eine einheitliche Vorbereitung oder verlässliche Unterstützung für den Ruhestand gibt es bisher nicht. Besonders Menschen, die allein, bei Angehörigen oder außerhalb „besonderer Wohnformen“ leben, stehen häufig vor großen Herausforderungen, passende Angebote zu finden und soziale Teilhabe zu sichern. Gleichzeitig arbeiten Eingliederungshilfe und Altenhilfe bislang kaum zusammen, sodass es an abgestimmten Übergangsmodellen und verlässlichen Unterstützungsangeboten fehlt.

Ein Fachdialog mit vielen Perspektiven

Das Thesenpapier sollte im nächsten Schritt gemeinsam geprüft, ergänzt und weiterentwickelt werden. Dazu luden das KSL.Münster und die RB APD Münster und Münsterland zu einem Fachdialog ein. Ziel des Fachdialogs war es, die bisherigen Erkenntnisse mit den Erfahrungen der Beteiligten abzugleichen, offene Fragen und Versorgungslücken sichtbar zu machen und die Lebenslage der Menschen beim Übergang in den Ruhestand noch besser zu verstehen. Vertreten waren Werkstätten und Werkstatträte, Teilhabeberater*innen aus zwei Ergänzenden unabhängigen Teilhabeberatungsstellen (EUTB), der Landschaftsverband Westfalen-Lippe (LWL), eine Tagesstätte sowie eine Person aus der Teilhabeforschung.

Bei der Zusammenarbeit zwischen dem KSL.Münster und den RB APD Münster und Münsterland ging es ursprünglich auch darum, die Bereiche Behinderung und Alter stärker zusammenzudenken. Vor dem Hintergrund des demografischen Wandels gewinnt das Thema zunehmend an Bedeutung: Immer mehr Menschen mit Behinderungen erreichen das Rentenalter. Die unterschiedlichen Blickwinkel beim Fachdialog machten jedoch deutlich: Dieses Thema muss mit weiteren Akteur*innen angegangen werden. Denn der Übergang in die Rente betrifft verschiedene Lebensbereiche und lässt sich nicht allein aus der Perspektive der Behindertenhilfe oder der Altenhilfe betrachten.

Wie geht es weiter?

Die Beteiligten sind sich einig: Der Fachdialog soll nicht bei einer detaillierten Bestandsaufnahme enden. Im nächsten Schritt geht es deshalb darum, herauszufinden, welche Unterstützungsangebote bereits vorhanden sind, wo Angebote fehlen und wie sich Übergänge künftig konkret begleiten lassen.

Weitere Akteur*innen haben bereits Interesse signalisiert, sich in den Prozess einzubringen. Dazu gehören die LAG Frauenbeauftragten in WfbM NRW, ein Verein zur Förderung von Inklusion und Teilhabe und der Arbeitskreis Tagesstruktur eines Wohlfahrtsverbandes.

Je mehr Perspektiven zusammenkommen, desto besser lassen sich die unterschiedlichen Lebenslagen und Bedarfe berücksichtigen. Dabei geht es auch darum, die Selbstbestimmung der Menschen ernst zu nehmen: Wie möchten sie ihren Ruhestand gestalten? Welche Möglichkeiten für Begegnung, Beschäftigung und gesellschaftliche Teilhabe wünschen sie sich? Und welche Strukturen braucht es, damit diese Wünsche Wirklichkeit werden können? Diesen Fragen wollen die Beteiligten im weiteren Austausch gemeinsam nachgehen.

Bild: Teilnehmende des Fachdialogs am 30.09.2026 in Münster

Kontakte

Kompetenzzentrum Selbstbestimmt Leben für den Regierungsbezirk Münster
Debora Stockmann,Mail: debora.stockmann@ksl-muenster.de                                                                                                                   

Regionalbüro Alter, Pflege und Demenz Münster und westliches Münsterland
Lisa Sträter, Mail: i.straeter@alexianer.de
Thomas Drerup, Mail: t.drerup@alexianer.de

Regionalbüro Alter, Pflege und Demenz Münsterland
Ursula Woltering, Mail: u.woltering@rb-ahlen.de

Text: Lisa Vössing, KSL.Münster