Sich für die Rechte geflüchteter Kinder und Jugendlicher mit Behinderungen einsetzen | KSL.Münster Direkt zum Inhalt

Sich für die Rechte geflüchteter Kinder und Jugendlicher mit Behinderungen einsetzen

27.01.2026
Das Bild zeigt den Moderator Maher Seger bei der Eröffnung des Fachtags.

Der Zugang zu Unterstützung und Teilhabe ist für viele nach Deutschland geflüchtete Kinder und Jugendliche mit Behinderungen häufig mit besonderen Hürden verbunden. Unterschiedliche Zuständigkeiten, komplexe rechtliche Rahmenbedingungen und fehlende Ressourcen erschweren den Zugang zu passender Hilfe. Der Fachtag „Hinschauen. Verstehen. Unterstützen. Geflüchtete Kinder und Jugendliche mit (drohenden) Behinderungen“ des Kompetenzzentrums Selbstbestimmt Leben für den Regierungsbezirk Münster (KSL.Münster) machte auf die besondere Situation dieser Minderjährigen aufmerksam. 

„Weltweit sind knapp 50 Millionen Minderjährige auf der Flucht“, umriss Maher Seger, Referent strukturelle Beratung beim KSL.Münster, die Thematik. Die Ursachen dafür sind bewaffnete Konflikte, Armut und Naturkatastrophen. „Insgesamt sehen wir hier massive Gefahren für Kinder und Jugendliche in Bezug auf ihre Gesundheit und auf ihr Wohlergehen, und das oft schon vor der eigentlichen Flucht“, sagte Maher Seger. Auf der Flucht selbst würden Familien häufig getrennt, Kinder und Jugendliche erlebten Gewalt, Vernachlässigung und traumatische Situationen. „Durch die Flucht brechen Bildungswege ab, und grundlegende Bedürfnisse wie etwa eine gesunde Ernährung oder medizinische Versorgung bleiben oft unerfüllt“, referierte Maher Seger eingangs.

Der Fachtag des KSL.Münster machte auf die besondere Situation von nach Deutschland geflüchteten Kindern und Jugendlichen mit (drohenden) Behinderungen aufmerksam. Er richtete sich in erster Linie an Mitarbeitende von Trägern der Eingliederungshilfe, in Beratungsstellen, Einrichtungen und Diensten für Menschen mit Behinderungen, in Beratungsstellen für geflüchtete Menschen, in der Verwaltung, in Medizin und Therapie sowie an Verfahrenslots*innen im Regierungsbezirk Münster.

Die Teilnehmenden erfuhren, wie Flucht, Behinderung und strukturelle Benachteiligung zusammenhängen. Sie lernten rechtliche Grundlagen kennen, erhielten Einblicke in die psychotherapeutische Arbeit mit geflüchteten Jugendlichen und erfuhren, wie sich Flucht, Trauma und Unsicherheit auf die psychische Gesundheit und Entwicklung von Jugendlichen auswirken können. Der Fachtag bot zudem die Gelegenheit, Fragen zu stellen und mitzudiskutieren, Kontakte zu knüpfen und sich mit anderen Fachkräften auszutauschen.

Die Fotocollage zeigt die Referentinnen Alina Bonhoff (links im Bild), Martina Steinke (Mitte) und Swantje Decker (rechts im Bild).

 

„Ziel ist es, die besondere Situation von minderjährigen Geflüchteten sichtbar zu machen und den Zusammenhang von Flucht, Behinderung und strukturellen Rahmenbedingungen einzuordnen“, eröffnete Maher Seger den Fachtag. Dazu waren 50 Teilnehmende Ende des vergangenen Jahres ins Jugendgästehaus Aasee in Münster gekommen. „Der Raum hätte gut und gerne doppelt so groß sein können“, freute sich Maher Seger, Referent für strukturelle Beratung beim KSL.Münster, über die starke Nachfrage.

Was für Minderjährige mit Fluchterfahrung im Allgemeinen gilt, gilt für geflüchtete Kinder und Jugendliche mit Behinderung im Besonderen. KSL-Referent Maher Seger sah zum Teil große Herausforderungen, wenn es darum geht, die Teilhabe dieser Gruppe in der Gemeinschaft zu gewährleisten: „Wenn wir uns für die Rechte geflüchteter Kinder und Jugendlicher einsetzen wollen, müssen wir ihre strukturelle Benachteiligung offen ansprechen und Veränderungen aktiv einfordern.“

In der Praxis herrschen Unübersichtlichkeit, 
Verunsicherung und Zuständigkeitsstreit

Im Verlauf des Fachtags veranschaulichten Praxisbeispiele, wie sich diese Rahmenbedingungen konkret auf geflüchtete Kinder und Jugendliche mit Behinderung und ihre Familien auswirken können. „Vor allem Menschen, die in Deutschland nur geduldet sind, werde eine Teilhabeassistenz im Kindergarten oder in der Schule oft versagt“, referierte Martina Steinke, Referentin für juristische Fragen beim KSL.Münster. Auch die medizinische Versorgung von geflüchteten Kindern, zum Beispiel mit notwendigen Therapien und Hilfsmitteln, gestalte sich zum Teil schwierig. 

„Zurückzuführen ist dies unter anderem auf eine unübersichtliche Rechtslage, die zur Verunsicherung in der Bewilligungspraxis und zu Zuständigkeitsstreitigkeiten auf Seiten der Kostenträger führen“, berichtete Martina Steinke. Der deutsche Gesetzgeber macht etwaige Ansprüche von geflüchteten Menschen mit Behinderungen auf Leistungen zur sozialen und medizinischen Teilhabe von zusätzlichen Bedingungen abhängig, die sich vor allem auf ihren Aufenthaltsstatus, die Dauer ihres Aufenthalts in Deutschland und darauf beziehen, mit Hilfe welcher (gegebenenfalls öffentlichen) Leistungen sie ihren Lebensunterhalt sichern. 

In ihrem Vortrag stellte die Referentin diese zusätzlichen Bedingungen für geflüchtete Kinder und Jugendliche mit Behinderungen beispielhaft dar. Gleichzeitig betonte sie, dass die einschlägigen gesetzlichen Regelungen nach der Rechtsprechung im Lichte europarechtlicher Vorgaben, insbesondere der Kinderrechts- und Behindertenrechtskonvention auszulegen seien. Dies habe im Ergebnis zur Folge, dass in der Regel alle geflüchteten Kinder mit Behinderung bei festgestelltem Teilhabebedarf einen Anspruch auf Teilhabeleistungen hätten, unabhängig von der Dauer ihres Aufenthalts oder ihres Aufenthaltsstatus. Dies gelte auch dann, wenn der Gesetzgeber der Behörde einen Gestaltungsspielraum hinsichtlich der Leistung (Ermessen) eingeräumt habe, da dieses bei Kindern mit Behinderung und festgestelltem Teilhabebedarf in der Regel auf Null reduziert sei. 

Die Fotocollage zeigt verschiedene Teilnehmende im Gespräch.

 

Die Hürden für Geflüchtete
mit Behinderungen liegen hoch

Einblicke in die Beratungspraxis gab Alina Bonhoff, Beraterin der Ergänzenden unabhängigen Teilhabeberatung (EUTB) Coesfeld. So berichtete sie über ihre Erfahrungen aus der täglichen Arbeit mit Geflüchteten mit Behinderungen. „Die Menschen sehen sich einem grundlegend neuen System gegenüber, was bei ihnen häufig Orientierungs- und Hilflosigkeit auslöst“, fasste Alina Bonhoff zusammen. Sie stünden einer komplexen rechtlichen Situation und Unklarheiten in den Zuständigkeiten gegenüber. Vor allem allgegenwärtige Sprachbarrieren und fehlende Möglichkeiten der Finanzierung von Dolmetschenden und daraus resultierende Kommunikationsprobleme etwa bei Ärzt*innen und Behörden würden das Ankommen im neuen Alltag maßgeblich belasten. 

„Unübersichtlichkeit und Unsicherheit gelten aber nicht nur für die Geflüchteten selbst“, sagte Alina Bonhoff. „Auch für die Mitarbeitenden in Ämtern sowie Ratgebenden in Beratungsorganisationen sind davon betroffen.“ Die Beraterin berichtete von fehlenden Angeboten wie etwa Sprachkurse oder hohen Kosten für die Übersetzung ausländischer Dokumente. Sie bemängelte grundsätzlich, dass das Hilfesystem für Menschen mit Behinderungen und jenes für geflüchtete Menschen an vielen Stellen noch nicht ausreichend zusammengedacht würde.

Zum Ende ihres Vortrags wies Alina Bonhoff auf Aspekte hin, die in der Praxis und in der Verbesserung der Versorgungssituation von Menschen mit Behinderung aus ihrer Perspektive und aus der Perspektive von Ratsuchenden als hilfreich erachtet wurden. Das bezog sich sowohl auf den Umgang mit Ratsuchenden - etwa Verständnis zeigen, bestärken, leichte Erklärungen geben - als auch Tipps zur Weiterbildung und Vernetzung und praktische Hilfen wie zum Beispiel auf Sprachmittler*innen-Pools hinweisen oder Listen zur Vorbereitung auf Arzttermine schreiben.

Lebensbedingungen und Unterstützung
nach der Flucht sind entscheidend

Der Vortrag „Trauma, Flucht und psychische Gesundheit von Jugendlichen“ von Swantje Decker von Refugio Münster, welches von GGUA e.V. und AWO Münsterland-Recklinghausen getragen wird, thematisierte die besonderen psychischen Belastungen geflüchteter Jugendlicher und erklärte, wie traumatische Erfahrungen zu einer psychischen Erkrankung, speziell einer Posttraumatischen Belastungsstörung, führen können. Die Referentin machte deutlich, „dass nicht nur die erlebten Traumata, sondern vor allem die Lebensbedingungen und Unterstützung nach der Flucht entscheidend für die weitere Entwicklung sind“. Weiterhin gab sie einen Einblick in Aspekte des so genannten traumasensiblen Arbeitens: „Sicherheit, auch in Form sicherer Orte, verlässliche Beziehungen, Ressourcenorientierung, Vernetzung und Selbstfürsorge der Fachkräfte sind zentrale Voraussetzungen, um psychisch belastete Jugendliche wirksam zu unterstützen“, sagte Swantje Decker.

Das Foto zeigt Maher Seger, Martina Steinke, Alina Bonhoff und Swantje Decker.

 

Vernetzung vorantreiben

„Der Fachtag diente dazu, ein gemeinsames Verständnis für die Ausgangslage zu schaffen, auf zentrale Herausforderungen hinzuweisen und die Perspektive der strukturellen Beratung des KSL.Münster deutlich zu machen“, bilanzierte Maher Seger vom KSL.Münster. „Das große Interesse an der Thematik ist für uns ein ermutigendes Signal, die Vernetzung aller handelnden Akteur*innen im Sinne der betroffenen Kinder und Jugendlichen voranzutreiben.“

Fotos: KSL.Münster/Michael Kalthoff-Mahnke

Weitere Informationen zu dem Thema:

Maher Seger
KSL.Münster
Referent strukturelle Beratung
E-Mail maher.seger@ksl-muenster.de