Inklusion ist kein statischer Zustand, sondern ein aktiver, beständiger Prozess der gesellschaftlichen Gestaltung. Dass dieser Prozess vor allem durch Begegnung und das Aufbrechen von Barrieren in den Köpfen gelingt, zeigt eine besondere Sensibilisierungsschulung des Deutschen Roten Kreuzes (DRK) in Münster. Für das KSL.Münster war Oliver Schneider mit dabei.
Im Rahmen des Bundesfreiwilligendienstes (BFD) bietet der DRK-Landesverband Westfalen-Lippe e.V. gezielte Schulungen an, um die persönliche Weiterentwicklung und Qualifizierung der Freiwilligen zu fördern. Mitte Februar nutzten 21 Teilnehmer*innen die Gelegenheit, sich intensiv mit dem Thema „Umgang mit Menschen mit Behinderungen“ auseinanderzusetzen.
Für dieses Training konnte das DRK das Projekt „Spielen und Lernen“ der GIPS-Stiftung aus den Niederlanden gewinnen. Der Fokus lag hierbei auf der Begegnung auf Augenhöhe. Die Schulung wurde von sogenannten „Expert*innen in eigener Sache“ geleitet – Menschen, die selbst mit einer Behinderung leben. Die Trainer*innen fungierten als qualifizierte Vermittlerinnen ihrer eigenen Lebensrealität.
Verhalte dich normal und frag einfach nach
Häufig gibt es Angst, in der Begegnung mit Menschen mit Behinderung etwas falsch zu machen. Hans Diederen von GIPS verneint: „Das muss nicht sein. Behinderung ist oft noch ein Tabuthema, aber Offenheit schafft Klarheit. Unser Motto: Verhalte dich normal und frag einfach nach.“ In den interaktiven Workshops begegnen sich Menschen mit und ohne Behinderung auf Augenhöhe. „Gemeinsam mit unseren Erfahrungsexpert*innen bauen wir spielerisch Vorurteile ab. So lernen wir, wieder den Menschen zu sehen – ganz ohne Berührungsängste“, sagt Diederen. Viola Roggenbach, Bildungsreferentin für den Bundesfreiwilligendienst beim DRK-Landesverband Westfalen-Lippe e.V. ist deshalb „sehr froh, dieses Seminar als festen Bestandteil unseres Seminarprogramms zu haben, weil es unseren Freiwilligen auf besondere Weise Verständnis, Empathie und echte Begegnung ermöglicht.“
Selbstwahrnehmung: Barrieren verstehen und überwinden
In einem interaktiven Parcours wurde theoretisches Wissen in praktische Erfahrung übersetzt. Die Teilnehmer*innen erprobten die Handhabung von Rollstühlen und Blindenlangstöcken. Durch Simulationsbrillen wurden verschiedene Sehbehinderungen erfahrbar gemacht, was die Bedeutung einer durchgängig barrierefreien Umwelt unterstrich.
Die Vorstellung und Bedeutung der Gebärdensprache und der Punktschrift (Braille) eröffneten neue Perspektiven auf die Überwindung von Kommunikationsbarrieren. Durch gezielte Übungen wurde verdeutlicht, wie Reizüberflutung und spezifische Wahrnehmungsmuster den Alltag von Menschen mit Autismus beeinflussen können.
Kognitive Barrieren und Lernschwierigkeiten
Ein simuliertes Einkaufserlebnis unter Zeitdruck und in fremden Sprachen versetzte die Freiwilligen in die Lage von Menschen mit Lernschwierigkeiten. Die dabei empfundene Ohnmacht und Überforderung verdeutlichte die Notwendigkeit von Leichter Sprache und barrierefreien Serviceangeboten.
Mittels eines Alterssimulationsanzugs konnten die physischen Einschränkungen, die oft mit dem Älterwerden einhergehen, wie erschwertes Treppensteigen oder eingeschränkte Feinmotorik, nachempfunden werden.
Reflexion: Vom Mitleid zum Respekt
Die abschließende Auswertung machte deutlich, dass der direkte Austausch Berührungsängste nachhaltig abbaut. Die Teilnehmer*innen betonten, dass nicht das Mitleid im Vordergrund gestanden habe, sondern ein tiefer Respekt vor der täglichen Bewältigungskompetenz der Expert*innen.
Fazit für die Praxis
„Dieser Ansatz der direkten Begegnung entspricht den Leitlinien der Kompetenzzentren Selbstbestimmt Leben, die in Nordrhein-Westfalen die Selbstbestimmung und Teilhabe von Menschen mit Behinderungen stärken“, zog Oliver Schneider vom KSL.Münster Bilanz. Die Veranstaltung in Münster habe bewiesen, dass Inklusion dort beginnt, wo echte Begegnung stattfindet. Für die Arbeit in NRW bedeute dies: „Wir müssen die Expertise von Menschen mit Behinderungen konsequent ins Zentrum stellen, um Vielfalt als gesellschaftliche Stärke zu begreifen“, sagte Oliver Schneider. „Barrierefreiheit ist kein ‚Sonderwunsch‘, sondern die zwingende Voraussetzung für eine gleichberechtigte Teilhabe gemäß der UN-Behindertenrechtskonvention (UN-BRK)“. (red)

Weiterführende Informationen und Einblicke: www.gips-sl.nl