Die stille Kraft des Films | KSL.Münster Direkt zum Inhalt
12.04.2026
Das Bild zeigt eine Frau und einen Mann. Sie sitzen sich gegenüber und berühren sich.

Sie ist Fotografin, er ist Stadion-Kommentator. Sie treffen sich zufällig, kommen sich näher, verlieben sich ineinander, werden ein Paar, trennen sich wieder und nähern sich wieder an. So weit, so gut. Eine ganz normale Geschichte. Oder nicht? In Milan Skrobaneks Kinofilm „Als wäre es leicht“ scheinen Barrieren von Beginn an programmiert. Denn: Kati, die Fotografin, ist gehörlos. Stadion-Kommentator Florian ist blind. Anlässlich der Vorpremiere des Films Ende März im Cinema in Münster sprachen wir mit dem Regisseur Milan Skrobanek und den Haupdarstellenden Cindy Kling (im Film: Katy) und David Knors (im Film: Florian) unter anderem darüber, ob die anfangs große Liebe auch langfristig bestehen kann und warum mehr professionelle Schauspielende mit Behinderungen dem Medium Film guttäten.

Die Fragen stellten Lisa Vössing und Michael Kalthoff-Mahnke vom KSL.Münster

 

KSL.Münster: Hallo, Cindy, David und Milan. Zunächst erstmal herzlichen Glückwunsch zu eurem sehenswerten Kinofilm. Der Kino-Testlauf vor dem eigentlichen Start am 2. April in den großen deutschen Lichtspielhäusern war überaus erfolgreich. Nahezu alle Vorstellungen waren ausverkauft. An einigen Standorten wurden zweite Vorstellungen kurzerhand organisiert. Das Publikum der Kinotour war voll des Lobes. Das Interesse der Medien an diesem Film war ebenfalls riesengroß. Bei den Öffentlich-Rechtlichen wart ihr drei ebenso begehrte Interviewgäste wie bei vielen Printmedien von Flensburg bis München. Habt ihr damit gerechnet?

Cindy: Also, ich habe überhaupt nicht damit gerechnet, dass der Film Kinosäle füllt und die Kinotour so gut läuft. Alles war ausverkauft und es gibt sogar Zusatztermine, was eigentlich selten passiert. Die Rückmeldungen sind bisher sehr positiv und der Film regt auch an, im Anschluss darüber zu sprechen und zu diskutieren. So soll es auch sein. Mich freut es ungemein, wie viel Support man innerhalb der eigenen Community bekommt und dass der Film auch außerhalb die Anerkennung bekommt, die er verdient. Auch wenn ich persönlich mittlerweile sehr müde bin und mich über einen freien Tag ohne Termine freue, bin ich dennoch dankbar, das alles erleben zu dürfen.

 

KSL: Milan, du bist bei dieser Produktion Drehbuch-Autor und Regisseur zugleich. Frage an den Drehbuch-Autor: Wie bist du auf die Idee zu diesem Film gekommen? Was hat dich zu dieser Liebesgeschichte zwischen einer gehörlosen Fotografin und einem blinden Stadion-Kommentator gebracht? Gibt es etwa einen realen Hintergrund?

Milan: Nein, einen realen Hintergrund dazu gibt es nicht. Weder in meiner Familie noch in meinem Freundeskreis. Darüber hinaus kenne ich keinen. Mag sein, dass es so etwas gibt. Aber meine Co-Autorin und ich hatten anfangs nicht die Absicht, einen Film über Menschen mit Behinderung zu machen. Das Hauptthema des Films war und ist zunächst einmal nonverbale Kommunikation. Was findet zwischen Menschen statt, auch wenn sie nicht miteinander reden? Ob ich dich mag oder ob du mich magst, hat gar nichts damit zu tun, was wir verbal miteinander austauschen. Das hat mit anderen Faktoren zu tun. Wie sehe ich die andere Person beziehungsweise wie nehme ich diese wahr? Kann ich sie gut riechen? Geruch spielt eine wahnsinnig große Rolle. Gerade bei der Partnerwahl. Was fühle ich? Liegt das etwas in der Luft? Eine Spannung? Das Unsichtbare, so meine „steile“ These, ist wichtiger als das gesprochene Wort. Das ist eigentlich der Ursprung zu dem Film und das hat zunächst mal gar nichts mit Behinderungen im weiteren Sinne zu tun. 

Und dann wollte ich eine Beziehungskonstellation haben, die das ganz besonders deutlich macht. So sind wir nach längerer Überlegung auf die Idee gekommen, Blindheit und Gehörlosigkeit miteinander zu kombinieren. Was passiert, wenn man zum Beispiel das gesprochene Wort und die Fähigkeit zum Sehen wegnimmt? Wie kann dann Zuneigung entstehen? Das war eigentlich der Funke. Dass einige Probleme zwischen Katy und Florian mit ihren jeweiligen Behinderungen zu tun haben, ist am Ende zwangsläufig. Bloß, weil der Ursprung der Idee nicht von den Behinderungen ausgeht, heißt es ja nicht, dass diese nicht auch Teile des Films sind. In dem Moment, in dem ich Blindheit und Gehörlosigkeit „benutze“, um meine These zu umkreisen, spielen sie ja eine Rolle. Die Behinderungen gehören schließlich zur Lebenswelt der beiden Hauptfiguren. So werden die Behinderungen zu extrem wichtigen Nebenthemen.

 

KSL: Milan, warum war es dir so wichtig, die Haupt- und einige Nebenrollen authentisch, also mit Schauspielenden mit Behinderungen, zu besetzen?

Milan: Das war eine grundlegende Voraussetzung. Ohne die hätte ich den Film nicht gemacht. Ich bin der Meinung, dass kein Schauspieler, keine Schauspielerin der Welt die Rolle eines Menschen mit Behinderung so authentisch ausfüllen kann wie eben ein Mensch mit Behinderung. Mimik, Gestik, Körperhaltung, Verhalten und so weiter – das alles kann jemand ohne Behinderung intensiv trainieren. Aber es ist nicht „echt“. Es ist eben nur „wahnsinnig gut gespielt“. 

 

KSL: Milan, du hast an anderer Stelle gesagt, dass du lange nach geeigneten Personen für die Hauptrollen gesucht hättest. Woran lag es und wie hast du das Problem gelöst?

Milan: Für die Rolle der Kati gab es einige wenige Schauspielerinnen mit einer Hörbehinderung. Insofern war das Casting überschaubar. Cindy hat uns schnell überzeugt. Aber für die Florian-Rolle gestaltete sich das Ganze recht schwierig, weil es schlichtweg keine professionellen blinden Schauspieler*innen in Deutschland gibt. Magst du übernehmen, David?

David: Gern. Milan und sein Team haben gezielt Blinden- und Sehbehindertenvereine sowie verschiedene Netzwerke angesprochen, um blinde Menschen für das Casting zu erreichen.

KSL: Und wie hast du davon erfahren?

David: Ich habe über einen Newsletter des Deutschen Blinden- und Sehbehindertenverbands davon erfahren. Mich hat die Frage sofort angesprochen, wie eine Beziehung aussehen kann, wenn ein Partner blind und der andere gehörlos ist – mit all den schönen, aber auch herausfordernden Seiten. Ich habe mich dann einfach beworben, und am Ende hat es geklappt.

KSL: Aber du bist kein „gelernter“ Schauspieler!

David: Ich habe Psychologie studiert und arbeite als Psychologe. Der Einstieg war tatsächlich eher zufällig. Aber die Begeisterung für Filme und der Wunsch, Geschichten zu erzählen, waren von Anfang an da. 

 

Bei dem Plot scheinen Kommunikationsbarrieren nicht nur in der Beziehung zwischen Kati und Florian, sondern schon bei den Dreharbeiten programmiert. Wie sah eure Zusammenarbeit am Set aus? Wie war die Stimmung? Was waren eure Erkenntnisse?

Cindy: Die Dreharbeiten waren für mich entspannt. Man denkt sich immer, dass das alles so kompliziert gewesen sein muss, war es aber nicht. Ich hatte Dolmetschende für Gebärden- und Lautsprache vor Ort. Und wenn man im Vorfeld direkt seinem eigenen Gegenüber fragt, was diese Person braucht, um sich wohlzufühlen oder wie man am besten kommunizieren kann, und diese Dinge berücksichtigt, ist das Meiste schon getan. 

David: Ich war am Anfang schon etwas aufgeregt und habe ein Schauspiel-Coaching bekommen. Während der Dreharbeiten habe ich dann schnell gemerkt, wie viel mir das bedeutet: sich in eine andere Figur hineinzuversetzen, ihre Perspektive einzunehmen und ihre Geschichte wirklich zu verstehen.

Milan: Der ganze Prozess war für mich ein wichtiges Learning – vom Drehbuchschreiben über die Produktion bis zu den Previews. Schon in der ersten Phase beim Schreiben des Drehbuches haben wir uns oft bei blinden und gehörlosen Expertinnen und Experten eigener Sache rückversichert, ob das auch alles so stimmig und realistisch ist, was wir schreiben. Ich habe dann im Verlauf der Dreharbeiten gelernt, dass ich zu David nicht einfach sagen kann: „Geh mal zu dem Baum da drüben.“ Weil er das nicht sehen kann. Also sind wir den Weg erstmal gemeinsam gegangen. Oder bei der Rollenverteilung im Team: „Du machst das, und du machst das.“ Dann hat David natürlich gefragt: „Wer ist gemeint mit Du?“ Bei den Übersetzungen durch die Dolmetschenden musste ich lernen, langsamer zu reden, geduldiger zu sein. Das war am Anfang für mich sehr ungewohnt, aber hat sich nach einiger Zeit eingespielt. Und dann gab es noch den sogenannten Deaf-Supervisor, der für Kati ganz besonders wichtig war. Er ist der Experte dafür, dass die Gebärden korrekt und authentisch dargestellt werden. Er hat mit den Schauspielenden die Szenen erarbeitet. Und er hatte die wichtige Aufgabe, die Sichtweise der Gehörlosenkultur zu vertreten. Darauf zu achten und sich die Zeit zu nehmen, ist nicht immer einfach. Vor allem unter dem hohen Produktions- und Zeitdruck an den Drehtagen.

Das Bild zeigt drei Personen. Links ist David Knors. Er spielt im Film die Rolle des Florian. In der Mitte ist Cindy Kling. Sie spielt die Rolle der Kati. Rechts ist Milan Skrobanek. Er hat die Regie geführt.

 

KSL: Cindy, David. Findet ihr euch in den Figuren Kati und Florian ein Stück wieder?

Cindy: Kati und ich sind grundlegend verschieden. Dass was uns verbindet, ist die Gehörlosigkeit und die Entscheidung gegen ein CI bis zu einem gewissen Grad. Ich hab‘ mich ja irgendwann dafür entschieden, aus eigenem Willen. Sie hat sich dagegen entschieden. Ansonsten glaube ich, dass immer gewisse Elemente von einem selbst in einem Film mit reinfliesen. 

David: Von der Persönlichkeit her sind wir ziemlich unterschiedlich. Aber wir teilen die Erfahrung, irgendwie anders zu sein. 

KSL.Münster: Daran anknüpfend, David: Dem Beamten auf dem Arbeitsamt, der dich ins Dialoghaus mit dem Stellenangebot schickt, hast du ironisch entgegnet, dass Blindsein nicht deine einzige Qualifikation sei. Passieren dir solche Diskriminierungen auch im Alltag?

David: Ja! Aber dann muss man sich dagegen wehren. Insbesondere in meinem beruflichen Zusammenhang ist es schon oft so, dass ich kämpfen und erklären muss. 

 

KSL.Münster: Cindy, du bist mit dem Cochlea Implantat (CI) auch lautsprachlich orientiert. In Interviews zum Film sprichst du dennoch überwiegend Gebärdensprache mit einer Dolmetscherin. Grundsätzlich logisch, da es deine Erstsprache ist – oder steckt hinter dieser Entscheidung noch mehr?

Cindy: Die Gebärdensprache ist oft unsichtbar und auch eine Sprache, die belächelt wird. Gerade bei einem Film, in dem diese Sprache wichtig ist und ich eine gehörlose Figur spiele, finde ich es ungemein wichtig, das nach außen hin zu verwenden. Es kommen unter anderem sehr viele gehörlose Menschen in die Kinos und sehen eine Figur, die so ist wie sie selbst. Wenn ich dann da vorne stehe und anfange zu sprechen, kippt das Bild. Daneben ist es eine Möglichkeit, Gebärdensprache sichtbar zu machen, und hier weiß ich, die Menschen hören mir trotzdem zu. Auf Social Media würde man mich weg scrollen.  

 

KSL.Münster: In welcher Weise ist das Medium Film geeignet, um Bewusstsein für Vielfalt, Inklusion, Selbstbestimmung und Barrierefreiheit in der Gesellschaft zu stärken?

Milan: Puh, schwierige Frage. Ich persönlich habe keine abgeschlossene Meinung dazu, ob der oder auch irgendein anderer Film Haltungen und Einstellungen verändern kann. Schön wäre es. Aber mir ist noch was Anderes wichtig: Bei jeder Vorstellung auf unserer Kinotour waren immer auch viele schwerhörende, gehörlose und blinde Menschen da. Das war toll zu sehen, wie der Film die Menschen zusammengeführt hat und auch die Rückmeldung, dass der Film sie berührt hat.

Und über den eigentlichen Film hinaus finde ich großartig, dass David und Cindy viel Aufmerksamkeit und Öffentlichkeit für ihre Anliegen bekommen. Cindy ist sehr aktiv in Social Media. Bei ihren Auftritten gebärdet sie konsequent, weil sie den Menschen die Gebärdensprache näherbringen will. Das ist für mich die eigentliche Wirkung über den Film hinaus.

Cindy: Es gibt kaum Menschen, die keine Filme schauen. Filme begleiten uns eigentlich alle. Jeder hat einen Film, der ihn geprägt hat, zum Nachdenken gebracht hat oder emotional berührt hat. Genau deshalb sind Filme so einflussreich.  Sie erreichen viele Menschen und schaffen es, in kurzer Zeit Themen verständlich zu machen, ohne dass es sich wie „Lernen“ anfühlt. Man fühlt einfach mit. Wenn in Filmen Vielfalt, Inklusion oder Barrierefreiheit gezeigt werden, können Zuschauer einen Einblick in Lebensrealitäten bekommen, die sie sonst vielleicht nie kennenlernen würden. Doch das funktioniert nur, wenn Repräsentation authentisch ist. 

David: Ich glaube schon, dass Filme etwas anstoßen können. Unser Film zeigt, dass Menschen mit Behinderung ihre Rollen authentisch ausfüllen können. Gleichzeitig gibt er Einblicke in den Alltag von Kati und Florian – wie sie kommunizieren, welche Herausforderungen es gibt, aber auch, wie normal vieles ist. Es sind einfach zwei junge Menschen, die lieben, lachen, scheitern und ihren Weg suchen.

 

KSL.Münster: Aber dazu gibt es offenbar zu wenige Schauspielende mit Behinderungen. 

David: Ich habe schon öfter gehört, dass blinde Menschen angeblich kein Interesse am Schauspiel haben. Das ist Blödsinn und unser Film zeigt, dass das so nicht stimmt. Es wäre schön, wenn man in Zukunft stärker darauf setzt, blinde Schauspielende auszubilden und ihnen echte Chancen zu geben.

KSL.Münster: Du würdest jungen Leuten mit Behinderungen dazu ermutigen, die Schauspielerei zu erlernen?

David: Auf jeden Fall. Ich glaube, es ist möglich, wenn die Rahmenbedingungen stimmen. Das beginnt schon bei einer inklusiveren Ausbildung. Mir persönlich ist wichtig, als Schauspieler wahrgenommen zu werden, nicht nur wegen meiner Behinderung, sondern weil ich gut in dem bin, was ich mache. Und ich hoffe, dass Filme wie dieser dazu beitragen können.

 

KSL.Münster: Cindy, welche Fragen möchtest du als gehörlose Schauspielerin/Künstlerin nicht mehr gefragt werden?

Cindy: Fragen, die man sich in ein paar Sekunden selbst ergoogeln könnte. Zum Beispiel: ‚Ist Gebärdensprache international? Warum ist Gebärdensprache nicht international?‘ Solche Basics immer wieder zu erklären ist auf Dauer anstrengend. Ich finde, man kann sich ruhig vorher ein bisschen selbst informieren.

KSL.Münster: Vielen Dank euch für das sympathische und erkenntnisreiche Gespräch. Und viel Erfolg für diesen Film und alle, die noch folgen mögen.

 

Das Bild zeigt zwei junge Männer auf der TrDer Mann rechts im Bild ist der Schauspieler David Knors. Links ist sein Freund. Sie liegen sich in den Armen und jubeln über ein Tor des FC Sankt Pauli. Foto: Port au Prince

Florian (im Bild rechts) und sein Freund jubeln über ein Tor des FC St. Pauli. Foto: CURLYPICTURES.

Weitere Informationen 

Der Film „Als wäre es leicht“ läuft derzeit bundesweit in den Kinos. Der Film wird in Ihrer Nähe nicht gezeigt? Es besteht die Möglichkeit, den Film einem geschlossenen Publikum zu präsentieren. Für individuelle Vorstellungstermine wenden Sie sich bitte an Ihr örtliches Kino oder an die Filmagentur „Kern des Ganzen“ in Köln, Telefon 0221 168 907 23, E-Mail www.kerndesganzen.de